Italienisch lernen in Padua: Weltkulturerbe mit Spritz
Federico Soffiato manövriert uns mit seiner Barca in das Centro Storico, die Altstadt Paduas. Die beschauliche Kahntour führt an pastellfarbenen Palazzi, uralten Bäumen und grünen Algenteppichen vorbei. Wo die Kanäle Naviglio Interno und Tronco Maestro des Flusses Bacchiglione sich kreuzen, haben wir plötzlich eine Marien-Erscheinung. Aus dem trüben Wasser ragt die „Madonna dell‘acqua lurida“. Die hölzerne Mutter Gottes hält dem Jesuskind die Nase zu, um ihm den Geruch des „schmutzigen Wassers“ zu ersparen.
Beim Boots-Picknick mit typisch paduanischen Snacks erklärt uns Federico, dass seine Skulptur „die Menschen auf die ernste Gefahr für die Gesundheit des Wassers aufmerksam“ machen will. Die auf Postkarten, T-Shirts und in den sozialen Medien mahnende Öko-Madonna hat der Bildhauer und Universitätsdozent auch in Industriehäfen Italiens präsentiert. Die inspirierende Begegnung mit dem umtriebigen Künstler verdanken wir unserer Italienischlehrerin. Nach Jahrzehnten in der Kurpfalz ist Giuliana Polidoro erst kürzlich in ihre Heimatstadt zwischen Venedig und der Adria zurückgekehrt. Wie praktisch für uns Kursteilnehmenden. Eine bessere Botschafterin hätten wir uns nicht wünschen können!
Von den 210.000 Einwohnern sind etwa ein Drittel Studierende, die Padua auf den historischen Plätzen, unter den schattigen Arkaden und in den botanischen Parks mit jungem Leben füllen. Die nach Bologna und Modena drittälteste Universität Italiens, Lehrort von Galileo Galilei, feierte vor drei Jahren ihr 800jähriges Bestehen. Ein architektonisches und akademisches Herzstück der Stadt ist schon seit 1494 der Palazzo del Bo. Neben wissenschaftlichen Instituten beherbergt der von der Renaissance geprägte Gebäudekomplex „Il Bo“ das Teatro Anatomico, das erste anatomische Theater der Welt.
Ganz in der Nähe der Universität, an der Piazza Garibaldi, residiert seit 1831 das Caffè Pedrocchi. Es sollte damals das schönste Café der Welt werden und zählt heute noch zu den Edeladressen in der europäischen Kaffeehaus-Tradition. Viele Jahre war „das Pedrocchi“ mit seinen drei Sälen in den Nationalfarben Grün, Weiß und Rot ein kultureller Treffpunkt für Künstler, Intellektuelle und Schriftsteller vom französischen Romancier Stendhal über den britischen Dichter Lord Byron bis zum italienischen Literaturnobelpreisträger Dario Fo.
Zentraler Lieblings- und Veranstaltungsort der Padovani, wie die Bewohner sich nennen, ist der Prato della Valle. Von unserem Ristorante aus schwärmt der Blick auf das weitläufige Areal mit der von einem Kanal umschlossenen Insel Memmia. 78 lebensgroße Statuen umrahmen einen der größten städtischen Plätze in Europa. Sie „verkörpern“ bedeutende Honoratioren der langen Stadtgeschichte.
Als der kommunale Denkmalschutzbeaftragte Vincenzo Tine es im Juli 2024 ablehnt, die Philosophin Elena Lucrezia Cornaro Piscopia, Anno Domini 1678 erste Universitätsprofessorin der Geschichte, als einzige Frau in der kalksteinernen Männerriege mit einer Statue zu ehren, hagelt es Kritik in ganz Italien.
Vormittags stimmt uns Giuliana im kurzweiligen Italienischkurs auf Sehenswürdigkeiten ein, die zum UNESCO-Weltkulturerbe ihrer Stadt gehören. Zum Beispiel die Capella degli Scrovegni. Der berühmte Freskenzyklus des Renaissance-Künstlers Giotto an den Wänden und der Gewölbedecke mit teils drastischen Szenen vom Kindermord in Betlehem bis zum höllischen Jüngsten Gericht ist einfach überwältigend! Auch das Johannes dem Täufer gewidmete Battistero, die Taufkapelle des mächtigen Doms Basilica di Santa Maria Assunta, unterstreicht dank der kongenialen Gemälde des Giotto-Schülers Giusto de‘ Menaubuoi den internationalen Ruf von Padua als Stadt der Fresken.
Zu einer schöpferischen Pause in unserer Erkundungstour lädt die „Bar Brutal“ an der Piazza Dei Signori ein. Der martialische Name stammt aus dem Spanischen. Da bedeutet „brutal“ auch soviel wie unglaublich. In der Tat gibt es hier „unglaubliche“ cicchetti! Das sind geröstete Brotscheiben (Bruschette), wahlweise garniert mit Baccalà (Stockfisch), Sardinen (Sarde), Schinken (Prosciutto), Hackbällchen (Polpetti) und Gemüse (z. B. Auberginen). Als Aperitif genehmigen wir uns den padovanischen Cocktail-Klassiker schlechthn. Den auch hierzulande beliebten „Aperol Spritz“ haben die drei Barbieri-Brüder schon vor über 100 Jahren auf einer Messe in Padua serviert.
Ein Höhepunkt für uns Italien-Tifosi ist der Ausflug in die sich bis nach Venedig erstreckenden Euganeischen Hügel mit ihren venezianischen Adelsvillen. Ein Paradebeispiel ist die im 16. Jahrhundert erbaute Villa dei Vescovi (Villa der Bischöfe) im Nordosten des Regionalparks. Außergewöhnlich auch hier die Fresken, deren Farben noch nach 500 Jahren strahlen wie frisch gemalt. Drei von vier Seiten der Beletage mit ihrem zentralen Prachtsalon gewähren uns durch ihre Arkaden einen majestätischen Ausblick auf die hügelige Landschaft mit ihren üppigen Weinbergen, Obst- und Olivenbäumen.
Die Colli Euganei, an denen schon vor 3.000 Jahren Wein angebaut wurde, bestehen aus über 100 erloschenen Vulkanen. Einen fruchtbareren Nährboden für die teils antiken venezianischen Rebsorten und Olivenhaine kann es kaum geben. Bei einer lukullischen Weinprobe im Familienbetrieb „Cá Lustra Zanovello“ verkosten wir den eleganten „Vino Biologico“. Euganeische Bianco & Rosso-Weine begleiten uns auch im Kofferraum nach Germania. Salute, Padova bellissima!
Joseph Weisbrod
Anreise: Mit dem Auto von Heidelberg über Stuttgart, Füssen/Reutte, Brenner, Innsbruck, Bozen, Trient, Verona (ca. 800 km). Mit dem Zug über München, Verona, Venedig (ca. 10 Stunden).
Sehenswürdigkeiten/Ticket: Für die acht zum UNESCO-Weltkulturebene gehörenden Sehenswürdigkeiten bietet die Stadt ein 3-Tage-Ticket für 35 Euro (inkl. öffentliche Verkehrsmittel). Online-Buchungen: www.turismopadova.it/de/besuche-padua-mit-der-urbs-picta-card/
Sprach-/Studienreisen: Vormittags Italienisch lernen und auf die Stadt einstimmen. Danach das historische Zentrum Paduas erkunden und genießen. Giuliana Polidoros Padua-Termine zur besten Reisezeit: 8. – 14. Juni oder 7. – 13. September. Mehr Infos: www.italcorsi.de.