/ via Max-Planck-Institut für Kernphysik Heidelberg /
Mit großer Betroffenheit und tiefer Trauer nehmen wir Abschied von unserem Kollegen und Freund Claus Dieter Schröter, der unerwartet am 11. November verstarb. Mit seinem einzigartigen Engagement und Wissen, seiner Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit hat er das Leben und die Arbeit an unserem Institut nachhaltig geprägt. All dies werden wir schmerzlich vermissen und sind ihm trotzdem so dankbar, insbesondere für die gemeinsamen 25 Jahre am Max-Planck-Institut für Kernphysik (MPIK).
Dr. Claus Dieter Schröter wurde am 3. Oktober 1957 in Tübingen geboren. Nach seinem Physikstudium promovierte er im Jahr 1995 an der Universität Tübingen auf dem Gebiet der relativistischen Elektronenstöße zur Innerschalenionisierung. Nach Forschungsaufenthalten am CNR in Rom und an der Université Paris XI kam er 1998 in die Arbeitsgruppe von Prof. Joachim Ullrich an der Universität Freiburg. Hier konzipierte er neue Experimente, beispielsweise eine Quelle für kalte polarisierte Elektronen, ein Gebiet, auf dem er über viel Erfahrung verfügte. Mit der Berufung Ullrichs als Direktor an das MPI für Kernphysik kam Claus Dieter Schröter im Jahr 2001 nach Heidelberg. Bereits im Vorfeld war er in die Planungen des Umbaus der Laboratorien der ehemaligen Povh-Abteilung eingebunden und sorgte maßgeblich dafür, dass die Forschungsarbeiten der Arbeitsgruppe nach dem Umzug aus Freiburg nahezu nahtlos weitergeführt werden konnten. Auch nach der Berufung von Prof. Thomas Pfeifer blieb er als Gruppenleiter an vorderster Front der Forschung aktiv.
Am MPIK war er federführend am Design und Aufbau mehrerer Apparaturen beteiligt, insbesondere von neuen Reaktionsmikroskopen. Diese kamen nicht nur in der eigenen Abteilung, sondern auch weltweit, etwa in Mailand, Barcelona, Hamburg und Stanford zum Einsatz und ermöglichten jeweils große wissenschaftliche Erfolge. Dank seiner Expertise auf dem Gebiet der ultrahohen Vakuumtechnik und seiner Detailgenauigkeit trug er entscheidend dazu bei, den Heidelberger Kryogenen Speicherring CSR von Anfang an zu einer weltweit einmaligen Anlage zu machen, die neue Wege in der Erforschung von Molekülionen eröffnet.
In enger Zusammenarbeit mit anderen Abteilungsmitgliedern bereitete er wissenschaftliche Messkampagnen im In- und Ausland mit größter Sorgfalt und Umsicht vor. Er beteiligte sich mit außerordentlichem persönlichem Engagement an den Experimenten und betreute die jüngeren beteiligten Wissenschaftler:innen mit seinem umfangreichen Wissen sowie seinem experimentellen Können. Dabei diente er mit seiner pflichtbewussten, unermüdlichen, unprätentiösen und humorvollen Art und Weise als positives Beispiel für alle, die mit ihm arbeiteten. Seine scharfe Beobachtungsgabe war für den Erfolg solcher Unternehmungen von entscheidender Bedeutung, da er auftretende Probleme nicht nur früh erkennen, sondern auch mit Geschick und Hingabe lösen konnte.
Aufgrund seiner enormen Erfahrung auf dem Gebiet der experimentellen Atomphysik konnte er neue Experimente von der Anfangsidee bis zur detaillierten Konstruktion, Aufbau und im Betrieb begleiten. Seine präzise und exakte Arbeitsweise fand bei den Mitarbeitenden des Konstruktionsbüros, der Feinmechanischen Werkstatt und der Betriebstechnik des Instituts höchste Anerkennung und Respekt. Seine ständige Präsenz an dieser wissenschaftlichen Front des MPIK hat viel mehr zur Reputation des Instituts beigetragen, als vielen bewusst sein dürfte, was auch an seiner ausgeprägten Bescheidenheit lag. Er begegnete allen Mitarbeitenden, mit denen er zu tun hatte, mit großer Menschlichkeit und hatte stets ein offenes Ohr für Berufliches und Privates. Dadurch trug er immens zum positiven Arbeitsklima und zur Effizienz der Forschungsarbeiten am MPIK bei.
Beim Redigieren wissenschaftlicher Publikationen setzte er seine genaue Kenntnis der deutschen Sprache ein. Daher war er bei sehr vielen Publikationen nicht nur bei der Planung und Durchführung der Experimente sowie bei der nachfolgenden Datenanalyse ein hochgeschätzter Mitautor. Darüber hinaus übernahm Claus Dieter Schröter viele notwendige organisatorische Aufgaben im Dienste der Wissenschaft und entlastete dadurch die anderen Kolleginnen und Kollegen in der Abteilung stark.
Besonders erwähnenswert ist auch seine umfassende Tätigkeit und Expertise im Baugeschehen: So war er nicht nur an der Planung und Baubegleitung der Abteilungslaboratorien in Heidelberg zu Beginn beteiligt, sondern war ebenso maßgeblich für den Erfolg beim Umbau der Beschleunigerhalle zum Quantendynamik-Labor für den Einsatz von Ultrakurzpuls-Hochleistungslasern am MPIK verantwortlich.
Zudem hat Claus-Dieter Schröter weit über seine eigentlichen Aufgaben hinaus entscheidend mitgeholfen, dass die gemeinsame Anstrengung der Universität Hamburg, des DESY der Helmholtz-Gemeinschaft und des MPIK der Max-Planck-Gesellschaft, in Hamburg ein innovatives, interdisziplinäres und interinstitutionelles Forschungszentrum zu errichten, das Center for Free-Electron Laser Science, CFEL, zu einem herausragenden internationalen Erfolg wurde. Unermüdlich unterstützte er bei der Planung, der Umsetzung und der Überwachung der Bautätigkeiten des futuristischen Forschungsbaus, welcher heute mehr als 300 Forschenden eine Heimat bietet und durch die durchdachte, exzellente Infrastruktur Wissenschaft auf höchstem Niveau ermöglicht.
Sein wahrscheinlich komplexestes wissenschaftliches Werk war der Aufbau eines Reaktionsmikroskopes (ReMi) im kryogenen Speicherring CSR. Hier hat er mit größter Geduld eine Reihe von experimentellen Entwicklungen vorangetrieben, welche die Idee eines neuen Instruments zur Erforschung eines unerschlossenes Gebiets (“terra incognita”) der Physik von kalten Molekülwechselwirkungen in eine funktionierende Technologie verwandelt haben. Die dadurch eröffneten neuen Möglichkeiten werden noch viele Jahre die Forschung am Institut und in der weltweiten Forschungslandschaft bereichern.
All dies und noch viel mehr zeichneten Claus Dieter Schröter aus: Seine Herzlichkeit, seine Hilfsbereitschaft und sein Engagement waren einzigartig. Er hat Menschen, Teams und Gruppen auf allen Ebenen und in allen Lebensbereichen miteinander verbunden, angeleitet und ausgebildet, wobei er selbst auch immer mit vollem Einsatz dabei war. Dabei hatte er sein Ziel immer im Blick: Etwas Neues zum Laufen zu bringen und alles möglich zu machen. Wie eine menschliche Naturkonstante seit einem Vierteljahrhundert wären ohne ihn das Institut und die vielen Menschen mit denen er arbeitete und wirkte nicht das, was sie heute sind. Claus Dieter hat seine Zeit am Institut nicht nur als Arbeit betrachtet, sondern als wertvollen Teil seines Lebens in der Gemeinschaft mit den Kolleginnen und Kollegen. Selbst nach seinem offiziellen Renteneintritt vor zwei Jahren hatte Claus Dieter großes Interesse weiter mit uns am Institut zu arbeiten, und wir konnten uns glücklich schätzen, dass dem so war.
Unerwartet hat er uns plötzlich bei so viel ungemindertem Tatendrang verlassen. Diese schwer erfassbare Nachricht hat uns schwer getroffen und in tiefe Trauer versetzt. In unserer Gemeinschaft, am ganzen Institut, ist eine riesige Lücke entstanden. Unsere Gedanken, unser aufrichtiges Beileid und unsere Wünsche für viel Kraft gelten besonders seiner Frau Katalin, seinem Sohn Andreas, seinen Eltern, Geschwistern und allen Angehörigen.
Lieber Claus Dieter: Du fehlst uns, wir vermissen Dich und werden Dich immer vermissen. Gleichzeitig sind wir unendlich dankbar für Alles, was Du geleistet, verbunden, ermöglicht, geschaffen hast! Und wir wissen, dass Du weiterlebst, nicht nur in unseren Erinnerungen. Ganz besonders lebst Du weiter in dem, was wir von Dir gelernt haben und nun Teil unseres Lebens ist. Du bist, warst und bleibst für uns ein wunderbarer warmherziger Mensch. Du warst nicht bedacht auf Anerkennung auf großer Bühne, sondern hattest Freude daran durch Deine entscheidende Arbeit, meistens “im Hintergrund”, Großes zu Bewegen und die vielen Erfolge aufblühen zu sehen. Wir glauben fest daran, dass Du auch in Zukunft unsere gemeinsamen Fortschritte in der Wissenschaft, Arbeitswelt, wie auch persönlich, mit Deinem uns so vertrauten Schmunzeln begleiten wirst.
Thomas Pfeifer und Deine Kolleg:innen und Freunde am MPIK
www.mpi-hd.mpg.de/mpi/de/forschung/abteilungen-und-gruppen/quantendynamik-und-kontrolle/forschung
