Mit dem Italienischkurs auf Entdeckungstour in Südapulien
Mamma Angela, der man ihre 83 Jahre nicht anmerkt, knetet energisch eine dicke Teigkugel. Dann schneidet sie die erste von unzähligen fingerdünnen Rollen ab. Stückchen für Stückchen flacht sie mit dem Messer ab und formt daraus ohrenförmige kleine Gebilde. Vor ihr am langen Küchentisch im gemütlichen Trullo von Angelas vor Energie sprühender Tochter Anna, die 30 Jahre in München gelebt hat, eifern ihr die Teilnehmerinnen unseres Italienischkurses mehr oder weniger geschickt nach. Die apulische Spezialität Orechiette selbst zuzubereiten will eben gelernt sein. Das Abendessen aus eigener Hand schmeckt danach umso köstlicher!
Die Öhrchen genießen, die Ohren spitzen. Das tun wir auch gerne beim Rundgang durch Ostuni. Warum die Weiße Stadt „La Città Bianca“ heißt, erklärt uns die einheimische Führerin Giusi (von Giuseppina). Anlässlich der Pest 1656 mussten auf Geheiß des Ortsheiligen Sant’Oronzo alle Häuser weiß gestrichen werden. Warum? Kalk desinfiziert! Daher erneuern die Hausbesitzer den Kalkanstrich auch heute noch fast jedes Jahr.
Ausgehend von der zentralen Piazza della Libertà flanieren wir die drei Stadthügel Treppe rauf, Treppe runter durch das malerische Gassen-Labyrinth mit der gotischen Kathedrale Santa Maria und würdevoll gealterten Palazzi. Beim Zwischenstop in der „Bar Perso“, der verlorenen Bar, genießen wir bei einem Cappuccino den weiten Blick über schier endlose Olivenhaine auf die sprichwörtlich blaue Adria. Den Erkundungstag nach dem morgendlichen Trullo-Unterricht mit unserer leidenschaftlichen Italienisch-Lehrerin Giuliana Polidoro und der Stadtbesichtigung krönen wir mit der aus regionalen Spezialitäten bestehenden „Cena“ im familiären Ristorante „Il Posto Affianco“.
Am nächsten Nachmittag besuchen wir das quirlige Städtchen Martina Franca. Anders als Ostuni ist die Architektur hier barock geprägt und – nach der auch „Florenz des Südens“ genannten Provinzmetropole Lecce – die zweite charakteristische Barock-Stadt Apuliens. Neben dem Dom San Martino beeindruckt die Altstadt mit mehr als 20 barocken Adelspalästen aus dem 18. Jahrhundert. Beim Spaziergang durch die mit kleinen Geschäften und Bars gespickten Sträßchen gelangen wir auf die wie ein Amphitheater halbrunde Piazza Maria Immacolata mit ihren schattigen Arkadengängen.
Das historische Zentrum von Martina Franca erinnert an die Altstadt von Taranto (mit Betonung auf dem ersten „a“). Kein Zufall! Hierher hatten sich Bewohner der Stadt am Golf von Tarent im 9. Jahrhundert auf der Flucht vor den Sarazenen angesiedelt. Geradezu symbolisch mutet bei unserer Erkundung ein U-Boot der italienischen Marine an, das vor unseren Augen unter dem mächtigen Castello in die alte Festungsanlage am Hafen gleitet. Denn die Unterwelt dieser dreitausend Jahre alten Stadt (deutsch: Tarent), flankiert vom Adriatischen und Ionischen Meer, ist durchaus zweideutig zu verstehen.
Zum einen führt uns die von Giuliana engagierte Stadtführerin Rosa mit ihrer mehr als 20jährigen Guida-Erfahrung durch den weitverzweigten unterirdischen Kosmos mit seinen Höhlen, Tunneln, Krypten, Verstecken, Grabstätten und sogar einem Museum namens „Museo Ipogea Spartano“. Zum anderen ist die kriminelle Unterwelt an der jahrzehntelangen Tragik Tarantos beteiligt. Das staatliche Stahlwerk Ilva ist mit über 10.000 Mitarbeitende das größte in Europa. Kehrseite der Medaille sind Tausende an Krebs erkrankte Einwohner – verursacht durch Giftstoffe wie Dioxin aus dem Stahlwerk. Fast jede Familie in Taranto hat ihre Krebskranken und -toten.
Hauptprofiteur des Skandals ist die kalabrische ‚Ndrangheta. Die mächtige Mafia-Organisation nutzt kaltblütig ihre langen Krakenarme im Korruptions-Sumpf der Aushebelung von Umwelt-, Arbeitssschutz-, Gesundheits- und Entsorgungs-Maßnahmen. Bis heute lässt das gigantische Stahlmonster Ilva sich nicht bändigen, geschweige denn schließen. Die Menschen sterben nach wie vor weit über dem italienischen Altersdurchschnitt.
Von den fast 190.000 Einwohnern Tarantos leben nur noch etwa 2.000 im Centro storico. Das historische Zentrum gleicht einer „Citta fantasma“, einer Geisterstadt. Mehr als 70 Prozent der Gebäude in der Altstadt sind heute kommunales Eigentum. Nur so ist gewährleistet, dass sie nicht abgerissen werden müssen. Bei unserer Führung durch das „überirdische“ Taranto fällt diese ruinöse Verwahrlosung einst stolzer Palazzi selbst uns Touristen befremdlich ins Auge. Wie ein Leuchtturm ragt die Kathedrale San Cataldo Vescovo aus der morbiden Schönheit der Altstadt heraus.
Ebenfalls unter der Erde befindet sich eine der beiden Ölmühlen, die wir auf unserer ganztägigen E-Bike-Tour durch die hügelige Landschaft um Fasano in der Provinz Brindisi besichtigen. Auf einem Bauernhof aus dem 15. Jahrhundert zeigt uns Signor Maccarone, ein professioneller Ölprüfer, eine der ersten Ölmühlen Italiens. Sie ist nicht weniger als 1000 Jahre alt! Der Padrone erklärt, wie Olivenöl „extra vergine“ ursprünglich hergestellt wurde und wie es sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hat. Am Ende können wir testen, was ein hochwertiges natives Olivenöl von einem Supermarkt-Öl unterscheidet.
Den letzten Tag vor dem Heimflug genießen wir in der – auch dank 50.000 Studierenden – jung gebliebenen, lebensprallen apulischen Hauptstadt Bari mit ihrer weitläufigen Altstadt und dem eleganten Lungomare, der kilometerlang an der Küste entlangführt. Beim abendlichen Abschiedsessen im Altstadt-Ristorante „Argiro 52“ lernen wir eine Spezialität kennen, die es so nur in Bari und Apulien gibt: Spaghetti all’assassina. Mörderische Pasta! Sieht leicht angebrannt aus und schmeckt knusprig! Der martialische Name leitet sich von der ungewöhnlichen Zubereitungsart ab. Statt wie üblich im Salzwasser werden die rohen Spaghetti direkt in der Pfanne mit Olivenöl und Tomatenpüree geröstet und karamelisiert. Da überrascht es nicht, dass die italienische Küche von der UNESCO zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit erklärt wurde!
Joseph Weisbrod
Informationen:
Anreise: Direktflüge von vielen Flughäfen nach Brindisi oder Bari
Unterkunft: Trulli Le Icone, Hotelzimmer im Trullo, zwei Pools, mit Panoramablick (www.trullileicone.it); Lamia dei Tramonti von Anna Capriglia (spricht Deutsch), Trulli-Apartments inmitten von Oliven- und Obsthainen (www.ask-anna.it)
Regionale Küche: Il Posto Affianco (Ostuni), Osteria La Piazzetta (Cisternino), In Rada (Taranto), Argiro 52 (Bari) mit apulischen Spezialitäten
Infos Giuliana Polidoro: www.italcorsi.de
