/ via unterwegstheater /
Yingyu Lyu, Photo: Jo Grabowski
In 30 Jahren über 7.000 Bewerbungen aus 64 Ländern und 237 Preisträger*innen – eine stolze Bilanz für das Internationale Solo-Tanz-Theater Festival Stuttgart, das 1997 von dem Tänzer, Choreographen und Pädagogen Marcelo Santos gegründet wurde. Auch beim diesjährigen Wettbewerb zeigten die jungen Künstler*innen aus China, Israel und zahlreichen europäischen Ländern eindrucksvoll, wie viel Energie, Innovation und Leidenschaft im zeitgenössischen Tanz steckt. Mutig und kreativ setzten sie sich in ihren Stücken mit Themen wie Künstliche Intelligenz, den Umgang mit Trauer, gesellschaftlichem Erwartungsdruck und immer wieder mit der Frage auseinander, was Identität ist und wie wir sie in der Gesellschaft verorten.
Als großer Gewinner des Abends konnte der Schweizer Liam Meier über zwei erste Preise in den Kategorien Tanz und Choreographie freuen. Weitere Jury-Preisträger sind Klil Ela Rotshtein aus Israel, Ondine Malfoy aus Frankreich und Michele Simi aus Italien, der mit dem Solo „Mickey“ (Choreografie: Adi Schwarz) auch den Public‘s Final Choice Prize bekam. Der Public‘s First Choice Prize und der DAF International Award gingen an die Chinesin Yingyu Lyu und das TanzLabor ROXY aus Ulm verlieh einen Residenz-Preis an die Belgierin Nina Plantefève-Castryck.
Die Preise für die Kategorien Tanz und Choreographie sind zwischen 1500 und 3500 Euro dotiert und werden von der Stadt Stuttgart und dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg gesponsert. Hinzu kommen zwei Publikumspreise, die private Sponsoren mit je 500,- EUR dotieren, und Arbeitsstipendien von Partner-Institutionen wie der Dance Art Faculty in Rom.
Zur diesjährigen Jury gehörten die Choreograph*innen Itzik Galili (Israel), Fernando Melo (Brasilien), Olga Roriz (Portugal), die Dramaturgin des Stuttgarter Ballett Lucy Van Cleef sowie die Choreographin Erika Silgoner (Italien). Die Künstlerische Leitung des Festivals hat der Gründer des Wettbewerbs Marcelo Santos.
Die Preisträger*innen und die Jury-Begründungen
Liam Meier (Schweiz): „Any (ID)ea?“
1. Preis Choreografie und 1. Preis Tanz:
Ein Stück über Identität, das die zahllosen Etiketten hinterfragt, mit denen die Gesellschaft uns definieren will, die uns aber von der Komplexität unseres eigentlichen Wesens entfernen. Wie kommen wir der Essenz dessen näher, wer wir wirklich sind?
Jurybegründung 1. Preis Choreografie: „Diese Arbeit zeigt Mut sowie Ehrlichkeit und ein klar formuliertes Solo. Alles ist an seinem Platz, aber irgendwie auch nicht. Die Arbeit demonstriert einen starken Text und eine klare Botschaft. Sie ist bewegend und überzeugend, ein schönes und inspirierendes Werk.“
Jurybegründung 1. Preis Tanz: „Eine sehr wichtige Botschaft, auf einfache Weise vermittelt. Diese Arbeit erforderte Mut und die Schicht poetischer Sprache war deutlich erkennbar. Die Arbeit zeigt das höchste Niveau technischer und dramatischer Darbietung.“
Liam Meier, Photo: Günter Seeger
Klil Ela Rotshtain (Israel): „I Could Also Be a Black Swan“
2. Preis Choreografie und 3. Preis Tanz:
Der Körper – ein lebendiges Gebäude, in dem all die Charaktere wohnen, die in uns stecken. Willkommen bei mir selbst! Die Performerin navigiert in Text und Bewegung zwischen ihren verschiedenen Persönlichkeiten, dem äußeren und inneren Selbst.
Jurybegründung 2. Preis Choreografie: „Ein höchst originelles Solo mit einer besonderen Herangehensweise an das Thema, sehr persönlich interpretiert. Das Spirituelle trifft auf das Körperliche. Ein vollständig ausgearbeitetes Kunstwerk.“
Jurybegründung 3. Preis Tanz: „Der gesamte Körper der Darstellerin war ausdrucksstark und jede Geste hatte eine Bedeutung. Die Performance zeigt einen außergewöhnlichen Einsatz von Technik, künstlerischem Ausdruck und kreativer Perspektive.“

Klil Ela Rotshtain, Photo: Jo Grabwoski
Ondine Malfoy (Frankreich): „I believe it because it’s absurd“
3. Preis Choreografie und Residency Prize „Bridges over the waves“
Das Stück geht verschiedenen Dimensionen des Absurden auf den Grund: der Absurdität von Bewegungen, von Worten, von Handlungen und vielleicht auch der Menschheit.
Jurybegründung 3. Preis Choreografie: „Ein sehr ausgewogenes Solo mit einer sehr individuellen und passenden Bewegungsqualität der Darstellerin. Es veranschaulicht die Fähigkeit der Performerin und Choreografin, das Publikum von einem Ort zum anderen zu führen und eine wichtige Botschaft zu vermitteln.“

Ondine Malfoy, Photo: Günter Seeger
Michele Simi (Italien): „Mickey“
Choreografie: Adi Schwarz
2. Preis Tanz und Public‘s Final Choice Prize:
Das Stück treibt die Technik des „Mickey Mousing“, der perfekten Synchronisierung von Bewegung und Klang, auf die Spitze. Während die Musik versucht, den Tänzer einzuhegen, versucht dieser, die Kontrolle zu durchbrechen.
Jurybegründung: „Ein vollkommen ausgewogenes Solo, in dem alle Elemente gut integriert sind. Humor ist ein starker Aspekt der Arbeit. Die Beziehung zwischen Körper, Gestik und Musik ist hervorragend umgesetzt. Die Projektion und Erweiterung der Bewegung ist sehr präzise und gut entwickelt.“

Michele Simi, Photo: Jo Grabowski

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