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„Irrte Flaubert?” Teil 6

/ von Peter Pausch /

„Wenn die Gesellschaft so fortfährt,

wird in zweitausend Jahren nichts mehr sein,

kein Grashalm, kein Baum;

sie wird die Natur aufgefressen haben.“

Gustave Flaubert (1821-1880)

IRRTE FLAUBERT?

Mehr als 300 Autoren haben sich an der Beantwortung der Frage beteiligt. In Teil 6 sind es unter anderen:

Adorno – Alain – Ingo Arzt – Bakunin – Georges Bataille – Baudelaire – Beaumarchais – Cesare Beccaria – Joseph Beuys -William Blake – Ludwig Börne – Bertolt Brecht – Christine Brückner – Martin Buber – Jacob Burckhardt – Ernesto Cardenal – Ruhollah Chomeini – Joseph Conrad – Christa Dericum – Diderot – Dostojewski – Dürrenmatt – Meister Eckhart – Albert Einstein – Norbert Elias – Paul Eluard – H.M. Enzensberger – J. G. Fichte – Anatole France – Freud – Adam Ferguson – Goethe – Gorbatschow – Gracián – Yuval Noah Harari – Michael Hartmann – Paul Hazard – Friedrich Hebbel – Hendrik Hildebrandt – Susanne Himmelheber – Hölderlin – Horkheimer – Wilhelm v. Humboldt – Aldous Huxley – Henrik Ibsen – Jakobus – Gustav Janouch – Jaspers – Jean Paul – Kafka – Kant – Karl Kautsky – E.A.F. Klingemann – Pjotr Kropotkin Lautréamont – Henry Charles Lea – Joe Lederer – Leibniz – Lenin – Lévy-Strauss – Lichtenberg – Martyna Linartas – Emmy Meyer-Laule – Rosa Luxemburg – Thomas Mann – Marx – Maskarin – Paul Mason – E.L. Masters – Fritz Mauthner – Marshall McLuhan – Herman Melville – Michelangelo – Arthur Miller – Johannes Minckewitz – Alexander Mitscherlich – Montaigne – K.Ph. Moritz – Robert Musil – Nietzsche – George Orwell – Christoph Ostgathe – Picasso – Pindar – E.A. Poe – Ezra Pound – Adolphe Quetelet – Marcel Reich-Ranicki – Martin Rhonheimer – Mme. Roland – Gerhard Roth – Jean-Christophe Rufin – Bertrand Russell – Sartre – Ute Scheub – Schopenhauer – Kurt Schwitters – Sophokles – Spinoza – Tertullian – Ernst Toller – Tolstoi – Paul Valéry – A.N. Whitehead – Allen W. Wood

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TEIL 6

Kinder lieben das Gutsein noch wie Leckerei.

Robert Musil


„Das Glück der Deutschen oder Wer macht Gesetze für wen? – Während kleine Erbschaften oft stark besteuert werden, bleiben große Vermögen fast steuerfrei.“
“Im Zeitraum bis 2027 wird das j ä h r l i ch e Erbvolumen in Deutschland inklusive Schenkungen bis zu 400 Milliarden Euro betragen.”
„Das deutsche Steuersystem ist strukturell ungleich: Große Vermögen und Milliardärserbschaften werden im internationalen Vergleich extrem niedrig besteuert. Die Vermögensteuer wird seit 1997 nicht mehr erhoben, und durch die sogenannte Verschonungsbedarfsprüfung bei Schenkungen und Erbschaften über 26 Millionen Euro entfallen in der Praxis oft Steuern in Milliardenhöhe. Die breite Mittelschicht trägt so die Hauptlast des Steueraufkommens.“ OA 28.6.26
„Ein breiter Aufstieg der Massen fand in Deutschland vor allem in die Mittelschicht statt (kollektiver Wohlstandsgewinn). Der Aufstieg aus der Masse in die Elite ist dagegen seit über 100 Jahren ein statistisches Extremereignis.“ OAI 28.6.26
„Drei deutsche Mittel, den Reichtum zu schützen, zu schonen und am besten gar nicht anzutasten: 1. Das Gesetz so biegen, dass eine Steuerhinterziehung nicht schon vorliegt, wenn eine Steuererklärung eingereicht wird, sondern erst dann, wenn ein Steuerbescheid ergangen ist – was nicht jeder sofort versteht, weil er zu gut über die Bundesrepublik Deutschland denkt. 2. Gegen Steuerhinterziehung am besten gar nicht erst vorgehen, sondern möglichst wenige Finanzbeamte einstellen. 3. Sollten einige der viel zu wenigen Finanzbeamten ihrer beruflichen Pflicht in einem so erfreulichen Maße nachkommen, dass die betrügende Branche unter Druck gerät und den Abbau von zuviel Bürokratie fordert, die Unruhe stiftenden Täter als »irreversibel paranoid-querulatorische“ Personen in den Ruhestand versetzen.“
„Experten gehen davon aus, dass rund 97 % der hinterzogenen Steuern unentdeckt bleiben.“ OAI 26.6.26
„Der jährliche Schaden betrage x Milliarden Euro: nämlich 30 (untere Schätzung des Bundesrechnungshofs) bis 200 Milliarden Euro.“
„Wie vermutet: Der Bundesrechnungshof hat keine unmittelbaren Eingriffsrechte und kann Missstände nicht selbst abstellen. Er fungiert als unabhängiges Beratungsorgan, das Mängel aufdeckt und Gesetzesänderungen anregt. Die Umsetzung liegt jedoch im Ermessen der Politik.“
„Vom Bundesrechnungshof nicht geforderte, sondern »angeregte« Reformen – etwa die Digitalisierung der Finanzverwaltung oder der Abbau umweltschädlicher Subventionen – kommen nur schleppend oder gar nicht voran.“
„Deutschland sei »eine der ungleichsten Demokratien in der ganzen Welt«. Es drohe sogar die Wiederkehr eines alten Gesellschaftssystems unter einem neuen Namen: »Geldfeudalismus«. In ihm sei für das Leben eines menschen entscheidend, in welche Familie er hineingeboren wird.“ Martyna Linartas
„Macht wird in Deutschland nicht ver-dient, sondern ver-erbt.“
„Soziale Bewegung, mit Ausnahme des Abstiegs, gebe es schon lange nicht mehr. Man dürfe sogar zweifeln, ob es das Gegenteil je in einem bemerkenswerten Maße gegeben hat.“
„In Deutschland gilt die Legende der Leistungsgesellschaft: Wer hart arbeitet, bringt es auch zu etwas – unabhängig von Herkunft oder sozialem Status. Untersuchungen haben ergeben, dass diese Mär um so mehr geglaubt wird, je größer die Ungleichheit in einer Gesellschaft ist.“
„48% der Deutschen glauben noch immer an ein höheres Wesen, das aus vier oder fünf Buchstaben besteht.“
„Ein Deutscher, der es nach oben nicht geschafft hat, neigt zu Treue und Ertragen, er glaubt an das Prinzip »Führen und Folgen«, Aufruhr und Revolution liegen ihm nicht. Man kommt dabei leicht zu Schaden, vielleicht sogar zu Tode. Lieber läßt er sich von oben ein wenig kitzeln und hält still, wenn seine wenigen Mittel gekürzt werden, damit der Reichtum derer, die ihn und auch die Politik beherrschen, nicht angetastet werden muß.”
“Der Führer hat seiner Verachtung des deutschen Volkes, seiner Überzeugtheit von der Feigheit, Unterwürfigkeit, Dummheit dieser Menschenart, ihrer grenzenlosen Fähigkeit, sich belügen zu lassen, oft Ausdruck gegeben und nur jedesmal vergessen, eine Erklärung dafür hinzuzufügen, wie es ihm gelingt, gleichzeitig in den Deutschen eine zur Weltherrschaft bestimmte Herrenrasse zu sehen. Wie kann ein Volk, von dem psychologisch feststeht, daß es sogar gegen ihn niemals revoltieren wird, eine Herrenrasse sein?” Thomas Mann (16. Mai 1941 über den BBC-Hörfunk)
“Gibt es ein Volk, das so gerne gehorcht wie das deutsche?”
“Sollte ich mit zwei Namen andeuten, was ich als Deutschtum in unserem Jahrhundert verstehe, dann antwortete ich, ohne zu zögern: Deutschland – das sind in meinen Augen Adolf Hitler und Thomas Mann. Nach wie vor symbolisieren diese beiden Namen die beiden Seiten, die beiden Möglichkeiten des Deutschtums. Und es hätte verheerende Folgen, wollte Deutschland auch nur eine dieser beiden Möglichkeiten vergessen oder verdrängen.“ Marcel Reich-Ranicki. Mein Leben (1999) S. 104
“Es ist eine Daueraufgabe, das Jahr 1933 zu erklären. Und ich sehe die Gefahr, dass wir diese Aufgabe aus dem Auge verlieren. Dann wird der Nationalsozialismus wieder zu einem Betriebsunfall der deutschen Geschichte, den man nicht erklären kann. Oder zu einem Unglück, das jederzeit und überall hätte passieren können. Nach dem Motto, es gab ja schließlich viele Genozide und Gewalttaten im 20. Jahrhundert, die Deutschen einfach Pech gehabt. Das wäre ein krasser Rückfall in eine längst überwundene Vorstellungswelt.” Andreas Wirsching. SPIEGEL 23/2021
„Die deutsche Elite: Spitzenpolitiker, Bundesrichter, hohe Verwaltungsbeamte oder Vorstände eines Großunternehmens, ungefähr 4000 Personen, prägen auf unterschiedliche Weise das Leben der 83 Millionen Deutschen. Sie verabschieden Gesetze, entscheiden, in welche Bereiche Geld fließt, fällen weitreichende Gerichtsurteile und sitzen in den Chefsesseln großer Unternehmen.“
„Trotz politischer Umbrüche – Kaiserreich, Weimarer Republik, Nationalsozialismus, Bundesrepublik – bleibt die deutsche Elite homogen. Einen Einschnitt, geschweige denn eine Revolution, hat sie bisher nicht erleiden müssen. Das Prinzip ihrer Auslese, auch Selbstrekrutierung genannt, ist nicht Leistung, sondern Herkunft und Habitus. Die neu Hinzukommenden sollen Gleiche, zumindest Ähnliche sein. Man erkennt einander an den versteckten Regeln, die innerhalb einer sozialen Schicht gelten, d.h. an allen möglichen Kleinigkeiten und an der Selbstsicherheit, mit der sie praktiziert werden. Das trete z.B. zum Vorschein bei Personalentscheidungen, und dann um so stärker, je kleiner der Kreis der Entscheider ist.‘
„»Welche bessere Regierung hätte ein Volk in unserer Lage sich wünschen und finden können?« Die Kreuzzeitung am 31.1.1933 „Das Blatt war ein richtungsweisendes Organ der konservativen Oberschicht. Zur Leserschaft gehörten der Adel, Offiziere, hohe Beamte, Industrielle und Diplomaten – jedoch niemals mehr als 10.000 Abonnenten. Weil die Leser zur Elite zählten, wurde die Kreuzzeitung oft zitiert und war zeitweise sehr einflussreich.“

„Einen Zusammenhang von Religion und Mordlust bezeugt, zumindest für seine Religion, unverhohlen Ruhollah Chomeini: »Die reinste Freude im Islam ist töten und getötet zu werden für Allah.«
„Die islamische Theologie besitzt keine argumentativen Ressourcen, um das Vorgehen des IS als «unislamisch» zu verurteilen. Es gibt im Islam nämlich kein generelles Tötungsverbot. Es gibt hingegen eine generelle Tötungslizenz.“
„Auf höhere Weisung, mit gutem Gewissen, jeden Tag töten dürfen: Säugetiere und andere Tiere, nicht Tausende oder Millionen, sondern im Laufe eines Jahres Milliarden – dieses Glück bieten anthropomorphe Religionen ihren Anhängern.“
„Alles, was sich regt und lebt, diene euch zur Nahrung; wie die grünen Pflanzen überlasse ich euch alles.“ Genesis 9:3
„Zu untersuchen und zu lehren, in wie weit Gott aus der Welt erkannt werden kann? Sehr wenig, es könnte ein Stümper sein.“
„Werden anders geartete Formen des Glaubens, in denen das Wort »Gott« den Versuch bezeichnet, einer groben Vermenschlichung zu entgehen – Meister Eckart, Spinoza, Kant, Fichte, Jaspers, Einstein – je die Menschheit ergreifen?“
„Wozu denn? Ist die Bestie nicht gerade dabei, den Globus von sich und allen Göttern zu befreien?“

„Das ideal, ohne welches der mensch auf vier thierklauen niedersänke …“
„Der Mensch, den man sich ausdenkt als Ideal – mit dem kann man nicht Politik machen. Aber wie kann man ihn entschärfen? Wie macht man aus dem gefährlichen Raubaffen-Menschen einen humanen Menschen? Die Humanisierung des Menschen – das kann man nicht, indem man ihn ideal denkt, sondern indem man ihn genau kennt.“
‘Es ließe sich heute schon eine Menge tun, um solche Taten und Täter zu verhüten, wenn die Gesellschaft nur die Hälfte der moralischen Anstrengung selbst aufwenden wollte, die sie von ihren Opfern verlangt.’
„Wenn man M. recht verstand, verlangte er sogar, daß man seinen Mord für ein politisches Verbrechen ansehe, und machte manchmal den Eindruck, daß er gar nicht für sich, sondern für diese Rechtskonstruktion kämpfte.“
„Was wir Moral nennen, das ist nur ein verzweifeltes Unternehmen von unsersgleichen gegen die Weltordnung, welche auf Kampf, Schlächterei und dem blinden Spiel feindlicher Kräfte beruht. Sie zerstört sich selbst, und je mehr ich darüber nachsinne, um so mehr glaube ich, daß das Weltall wahnsinnig ist.“
„Auch vom Schicklichen und Unschicklichen gibt es zwei Auffassungen: die einen behaupten, das Schickliche sei etwas anderes als das Unschickliche und davon verschieden wie in der Bezeichnung, so auch in der Sache; die anderen, schicklich und unschicklich sei dasselbe. […] Die Massageten töten ihre Eltern und verzehren sie, und es scheint ihnen das schönste Grab, in den Kindern bestattet zu sein. Wenn das in Griechenland jemand täte, so müßte er Verbannung oder einen elenden Tod erleiden als ein Mensch, der Unschickliches und Entsetzliches täte. […] Ich glaube nun, wenn man allen Menschen befehlen würde, das, was sie je für unschicklich halten, zusammenzutragen und aus dieser Gesamtmasse wieder wegzunehmen, was sie je für schicklich halten, es würde auch nicht ein Brauch zurückbleiben, sondern alle sich unter alle verteilen“ Dissoi logoi (ca. 400 v. Chr.)
„Wen soll das tausendjährige Gerede darüber, was gut und bös sei, fesseln, wenn sich herausgestellt hat, daß das gar keine »Konstanten« sind, sondern »Funktionswerte« , so daß die Güte der Werke von den geschichtlichen Umständen abhängt und die Güte der Menschen von dem psychotechnischen Geschick, mit dem man ihre Eigenschaften auswertet?“
„Naivität: als ob Moral übrig bliebe, wenn der sanktionierende Gott fehlt. Das »Jenseits« absolut notwendig, wenn der Glaube an Moral aufrechterhalten werden soll.“
‘Gott’ – Aus der Existenz eines Worts wurde wieder einmal auf die Existenz einer Sache geschlossen.”
„Es gibt wenige Beschäftigungen, sagte Me-ti, welche die Moral eines Menschen so beschädigen wie die Beschäftigung mit Moral. Ich höre sagen: Man muß wahrheitsliebend sein, man muß seine Versprechen halten, man muß für das Gute kämpfen. Aber die Bäume sagen nicht: Man muß grün sein, man muß die Früchte senkrecht zu Boden fallen lassen, man muß mit den Blättern rauschen, wenn der Wind durchgeht.“

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