AUTISMUS WEITERDENKEN 2.0

/ via universitätsklinikum heidelberg /

Unter dem Leitthema „AUTISMUS WEITERDENKEN 2.0! Prävalenzen, Differenzen, Diagnosen“ setzt die Tagung ihren Weg als wichtigstes Forum der deutschsprachigen Autismus-Forschung fort. Sie bietet eine Plattform für den intensiven Austausch zwischen Forschenden, Klinikerinnen und Klinikern sowie Betroffenen und Angehörigen. Der Titel betont die Notwendigkeit, Autismus nicht als einheitliches Phänomen zu verstehen, sondern die ausgeprägte Heterogenität im Autismus-Spektrum stärker zu berücksichtigen und wissenschaftlich fundiert zu untersuchen.
 

Wissenschaftliche Aufklärung in Zeiten steigender Zahlen von Betroffenen

Wissenschaftlich besonders aktuell ist die Diskussion um die weltweit steigende Anzahl der von Autismus Betroffenen, befeuert durch jüngste Berichte der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde „Center for Disease Control and Prevention“ (CDC) über vermeintlich schädigende Umwelteinflüsse, vor allem Impfungen. „Diese Behauptungen schüren Ängste in der Bevölkerung, besonders bei Eltern, und nähren Vorurteile, die der Gesundheit aller Kinder schaden können. Es ist uns daher wichtig, im Rahmen der dies­jährigen Tagung zur Aufklärung dieser Missverständnisse und Missinterpretationen beizutragen“, sagt Tagungspräsidentin Luise Poustka, W3-Professorin für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters und Ärztliche Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -Psychotherapie des Universitätsklinikums Heidelberg (UKHD). 

Über die steigenden Autismusraten und die Suche nach Umweltursachen spricht im ersten Festvortrag der Tagung, am Donnerstag, 12. März, Prof. Dr. Eric Fombonne, Emeritus der Oregon Health & Science University, USA, und einer der weltweit führenden Experten zur Autismus-Epidemiologie. Seit den 1960er-Jahren zeigt die Datenlage weltweit einen Anstieg der Diagnosen. Prof. Fombonne erklärt, warum viele behauptete Zusammenhänge mit Umweltfaktoren statistisch nicht haltbar sind und mit Hilfe welcher wissenschaftlichen Methoden echte Risikofaktoren von Störfaktoren getrennt werden können.

Die Schnittstellen zwischen Autismus und Geschlechtervielfalt beleuchtet Prof. Dr. Meng-Chuan Lai, University of Toronto, Kanada, im zweiten Festvortrag des Tages. Das gemeinsame Auftreten von Autismus und Geschlechtsdiversität bringt neue Herausforderungen für die Versorgung Betroffener mit sich. Der Vortrag bietet einen Überblick über aktuelle Erkenntnisse und stellt personalisierte Versorgungswege vor, die die individuellen Lebenserfahrungen der Betroffenen in den Mittelpunkt stellen.

Im dritten Festvortrag, der am Freitag, 13. März stattfindet, geht es um eine präzisere Autismus-Diagnostik dank moderner Technik, genauer um das Potenzial der digitalen Phänotypisierung und technologiegestützten Differen­tialdiagnostik. Prof. Dr. Christine Falter-Wagner, Entwicklungspsychologin an der Ludwig-Maximilian-Universität München, präsentiert innovative Ansätze, um soziale Interaktionen wie Mimik, Sprecherwechsel, Synchronie automatisiert zu erfassen und auszuwerten. Sie erklärt, wie diese „digitalen Fingerabdrücke“ in Kombination mit Machine-Learning-Modellen helfen können, Autismus präziser von anderen klinischen Erkrankungsbildern, zum Beispiel der Borderline-Persönlichkeitsstörung, abzugrenzen und die Diagnostik zu objektivieren.
 

Sie hat Betroffenen eine Stimme gegeben: Auszeichnung für Maria Kaminski

Die Teilnehmer erwartet ein vielfältiges Programm, das die Brücke von der Grundlagenforschung zur praktischen Anwendung in der klinischen Versorgung ebenso wie bei Beratungen im schulischen und beruflichen Kontext, schlägt. Ein Höhepunkt der Tagung ist die Verleihung der Kanner-Asperger-Medaille an Prof. Dr. Eric Fombonne. Zudem wird erstmals eine zweite Medaille an Maria Kaminski, Vorsitzende von Autismus Deutschland e.V., für ihr Lebenswerk rund um die Hilfe für autistische Menschen verliehen. „Es ist uns besonders wichtig, dass Stimmen von Menschen im Autismus-Spektrum und von Angehörigen auf der Tagung sichtbar vertreten sind. Ihre Perspektiven sind unverzichtbar, um die Vielfalt innerhalb des Spektrums besser zu verstehen und die diagnostischen und therapeutischen Angebote noch zielgenauer und bedarfsgerechter zu gestalten. Maria Kaminski hat als wegweisende Pionierin der Autismus-Selbsthilfe maßgeblich dazu beigetragen, Betroffenen eine Stimme zu geben. Dieses unermüdliche Engagement zeichnen wir mit einer Kanner-Asperger-Medaille aus“, so Professorin Poustka.
 

Frühere Diagnose ermöglicht bessere Unterstützung

Forschende gehen von 1 bis 1,2 Prozent Autismus-Betroffenen weltweit aus. Die genetisch bedingte tiefgreifende Entwicklungsstörung kann sich in vielen Varianten ausprägen: Jeder zweite Mensch mit der Diagnose Autismus ist geistig beeinträchtigt. Nur jeder fünfte kommt allein zurecht. Daneben gibt es aber auch Betroffene, die überwiegend selbständig leben, im sozialen und kommunikativen Bereich aber dennoch Unterstützung benötigen. Langzeituntersuchungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass sich die Symptomatik nicht nur individuell unterscheidet, sondern sich auch im Laufe des Lebens verändern kann: Während einige Betroffene Verbesserungen ihrer Fähigkeiten erleben, bleibt der Zustand bei anderen weitgehend stabil oder verschlechtert sich in manchen Fällen sogar.

Je früher die Diagnose Autismus gestellt werden kann, desto mehr Chancen gibt es unterstützend zu intervenieren. Eltern können mit ihren Kindern dann bereits sehr früh an speziellen Programmen zur besseren sozialen Anpassung, Kommunikation und sozialen Integration teilnehmen. In Heidelberg baut Luise Poustka mit ihrem Team am Zentrum für psychosoziale Medizin ein neuartiges Präventions- und Früherkennungszentrum auf, in dem sie Kinder mit familiär bedingtem genetischem Risiko im frühen Kindesalter auf autistische Merkmale untersuchen und therapeutisch unterstützen möchte. Kinder, die bereits ältere Geschwister mit Autismus haben, brauchen dabei eine besonders engmaschige Überprüfung ihrer Entwicklung.

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