Der Strafrichter Alessandro Bellardita erklärt die sträflich unterschätzte Mafia
War es damals die sizilianische Cosa Nostra, deren Auftragskiller die kurz zuvor in Mannheim ermittelnden Antimafia-Kämpfer Giovanni Falcone († 23. Mai 1992) und Paolo Borsellino († 19. Juli 1992) ermordeten, ist es längst die kalabrische ’Ndrangheta, die in der wirtschaftsstarken Metropolregion nahezu ungestört ihren Rückzugs-, Finanz- und Investitionsraum betreibt.
“Unvorstellbare Berge von Bargeld”
Um seine mit Tonnen von Kokain generierten Milliarden-Umsätze zu „legalisieren“, benötigt der 80 % des einschlägigen Welthandels kontrollierende Mafia-Konzern eine in monströsem Stil funktionierende Geldwäsche. Denn „das große Problem für die ’Ndrangheta“, erläutert der renommierte Mafia-Experte Alessandro Bellardita dem konzentrierten Publikum, „sind die unvorstellbaren Berge von Bargeld“. Für deren „Legalisierung“ nutze die bestens vernetzte Organisation vor allem (Gewerbe-) Immobilien, Bauprojekte, die Gastronomie, beliebig manipulierbare Tarn-Firmen und digitale Finanzströme.
Sein Buch hat der Karlsruher Strafrichter einem frühen Vorbild gewidmet: „Für Rosario Livatino, zu jung gestorben, unvergessen.“ Die brutale Hinrichtung des erst 37 Jahre alten Richters am 21. September 1990 in der Nähe von Agrigent war für den 1981 im sizilianischen Modica geborenen und in Karlsruhe aufgewachsenen Einwanderer-Sohn ein Schlüsselerlebnis. Livatinos Todesurteil: Er hatte die mafiösen Verbindungen zwischen Sizilien und Mannheim aufgedeckt.
Alessandro Bellardita kennt und schätzt die Rhein-Neckar-Region. Nach seinem mit der Promotion abgeschlossenen Jurastudium in Mannheim und Heidelberg befasst er sich ab 2015 erstmals als Staatsanwalt mit dem Schwerpunkt organisierte Kriminalität. Neben seiner aktuellen Tätigkeit als Vorsitzender Richter am Jugendschöffengericht beim Amtsgericht Karlsruhe gilt sein unermüdliches Engagement der publizistischen Arbeit und bundesweiten Vorträgen zur immer noch sträflich unterschätzten Mafia-Dominanz in Deutschland.
Auch beim zweistündigen Auftritt im seit Studienzeiten geliebten Heidelberg legt der 45jährige Lockenkopf den Finger in die offene Wunde: Deutschland sei nach wie vor ein Eldorado für die Mafia. Wie der sprichwörtliche Rufer in der Wüste mahnt er dringende Maßnahmen für die Mafia-Bekämpfung an: Eine zentrale, bundesweit agierende Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft für organisierte Kriminalität nach italienischem Vorbild. In der dem Innenministerium unterstehenden Elitebehörde „Direzione Investigativa Antimafia“ (DIA) werden alle Ermittlungsaktivitäten zentral und effizient koordiniert.
“Wenig Verfahren gegen die italienische Mafia in Baden-Württemberg”
In Deutschland mangelt es hingegen sowohl am Austausch mit diesen italienischen Mafia-Spezialisten als auch an der strukturellen Zusammenarbeit zwischen den zuständigen Bundes- und Landesbehörden. Die gesetzlichen Schlupflöcher, vor allem in puncto Geldwäsche und Finanzströme, müssen laut Bellardita gestopft, der Fokus auf Vermögen statt nur auf Straftaten gerichtet und die Forschung professionalisiert werden.
Der versierte Strafrichter: „Die in Baden-Württemberg durchgeführten Verfahren gegen die italienische Mafia lassen sich an einer Hand abzählen!“ Auch das Thema Datenschutz spielt eine Rolle. Prominentes Beispiel: Der Nachname des einst von der Stuttgarter High Society (inkl. Ex-Ministerpräsident Günther H. Oettinger) hofierten Mafia-Bosses Mario Lavorato durfte bis zu dessen rechtskräftiger Verurteilung wegen Rauschgifthandels, Waffengeschäften und Geldwäsche in deutschen Medien nicht genannt werden. Wie in Italien sollte auch in Deutschland der Schutz der Gesellschaft über dem Persönlichkeitsschutz des Täters stehen!
“Wer die Mafia verstehen will, muss nach Deutschland schauen”
Auf die Frage eines Zuhörers nach der kürzlich via Referendum gescheiterten Justizreform in Italien kann der leidenschaftliche Espresso-Fan Bellardita sich ein vielsagendes Lächeln nicht verkneifen. Denn die klare Abstimmungs-Niederlage für die Regierung von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni ist auch ein Erfolg für die Anti-Mafia-Bekämpfung. So bleibt die Unabhängigkeit der autonom ermittelnden Staatsanwälte von politischer Einflussnahme zumindest vorerst gewahrt.
Wie sagte der ermordete Ermittlungsrichter Rosario Livatino schon vor über vier Jahrzehnten?: „Wer die neue Mafia verstehen will, muss nach Deutschland schauen.“ Heute gilt das mehr denn je, leider auch für die Mafia-Tiefburg Metropolregion. Und so lautet eine Erkenntnis dieses von Chiara Rottaro vom veranstaltenden Deutsch-Italienischen Kulturkreis Volare moderierten Anti-Mafia-Abends: „Die ’Ndrangheta ist aktiver und gefährlicher denn je“!–
Es ist keine typische Lesung im „Welthaus Heidelberg“! Der Jurist und Publizist Dr. Alessandro Bellardita rezitiert nicht einfach nur aus seinem mit viel Lokalkolorit gewürzten Doku-Krimi „Die sizilianische Akte“ mit dem fiktiven Heidelberger Staatsanwalt Francesco De Benedetti. Vielmehr spannt der begnadete Erklärer den erzählerischen Bogen von der „Straße des Todes“ zwischen Sizilien und Mannheim Anfang der 90er Jahre bis zur unterm Radar florierenden Big Business-Mafia der Gegenwart.
War es damals die sizilianische Cosa Nostra, deren Auftragskiller die kurz zuvor in Mannheim ermittelnden Antimafia-Kämpfer Giovanni Falcone († 23. Mai 1992) und Paolo Borsellino († 19. Juli 1992) ermordeten, ist es längst die kalabrische ’Ndrangheta, die in der wirtschaftsstarken Metropolregion nahezu ungestört ihren Rückzugs-, Finanz- und Investitionsraum betreibt.
“Unvorstellbare Berge von Bargeld”
Um seine mit Tonnen von Kokain generierten Milliarden-Umsätze zu „legalisieren“, benötigt der 80 % des einschlägigen Welthandels kontrollierende Mafia-Konzern eine in monströsem Stil funktionierende Geldwäsche. Denn „das große Problem für die ’Ndrangheta“, erläutert der renommierte Mafia-Experte Alessandro Bellardita dem konzentrierten Publikum, „sind die unvorstellbaren Berge von Bargeld“. Für deren „Legalisierung“ nutze die bestens vernetzte Organisation vor allem (Gewerbe-) Immobilien, Bauprojekte, die Gastronomie, beliebig manipulierbare Tarn-Firmen und digitale Finanzströme.
Sein Buch hat der Karlsruher Strafrichter einem frühen Vorbild gewidmet: „Für Rosario Livatino, zu jung gestorben, unvergessen.“ Die brutale Hinrichtung des erst 37 Jahre alten Richters am 21. September 1990 in der Nähe von Agrigent war für den 1981 im sizilianischen Modica geborenen und in Karlsruhe aufgewachsenen Einwanderer-Sohn ein Schlüsselerlebnis. Livatinos Todesurteil: Er hatte die mafiösen Verbindungen zwischen Sizilien und Mannheim aufgedeckt.
Alessandro Bellardita kennt und schätzt die Rhein-Neckar-Region. Nach seinem mit der Promotion abgeschlossenen Jurastudium in Mannheim und Heidelberg befasst er sich ab 2015 erstmals als Staatsanwalt mit dem Schwerpunkt organisierte Kriminalität. Neben seiner aktuellen Tätigkeit als Vorsitzender Richter am Jugendschöffengericht beim Amtsgericht Karlsruhe gilt sein unermüdliches Engagement der publizistischen Arbeit und bundesweiten Vorträgen zur immer noch sträflich unterschätzten Mafia-Dominanz in Deutschland.
Auch beim zweistündigen Auftritt im seit Studienzeiten geliebten Heidelberg legt der 45jährige Lockenkopf den Finger in die offene Wunde: Deutschland sei nach wie vor ein Eldorado für die Mafia. Wie der sprichwörtliche Rufer in der Wüste mahnt er dringende Maßnahmen für die Mafia-Bekämpfung an: Eine zentrale, bundesweit agierende Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft für organisierte Kriminalität nach italienischem Vorbild. In der dem Innenministerium unterstehenden Elitebehörde „Direzione Investigativa Antimafia“ (DIA) werden alle Ermittlungsaktivitäten zentral und effizient koordiniert.
“Wenig Verfahren gegen die italienische Mafia in Baden-Württemberg”
In Deutschland mangelt es hingegen sowohl am Austausch mit diesen italienischen Mafia-Spezialisten als auch an der strukturellen Zusammenarbeit zwischen den zuständigen Bundes- und Landesbehörden. Die gesetzlichen Schlupflöcher, vor allem in puncto Geldwäsche und Finanzströme, müssen laut Bellardita gestopft, der Fokus auf Vermögen statt nur auf Straftaten gerichtet und die Forschung professionalisiert werden.
Der versierte Strafrichter: „Die in Baden-Württemberg durchgeführten Verfahren gegen die italienische Mafia lassen sich an einer Hand abzählen!“ Auch das Thema Datenschutz spielt eine Rolle. Prominentes Beispiel: Der Nachname des einst von der Stuttgarter High Society (inkl. Ex-Ministerpräsident Günther H. Oettinger) hofierten Mafia-Bosses Mario Lavorato durfte bis zu dessen rechtskräftiger Verurteilung wegen Rauschgifthandels, Waffengeschäften und Geldwäsche in deutschen Medien nicht genannt werden. Wie in Italien sollte auch in Deutschland der Schutz der Gesellschaft über dem Persönlichkeitsschutz des Täters stehen!
“Wer die Mafia verstehen will, muss nach Deutschland schauen”
Auf die Frage eines Zuhörers nach der kürzlich via Referendum gescheiterten Justizreform in Italien kann der leidenschaftliche Espresso-Fan Bellardita sich ein vielsagendes Lächeln nicht verkneifen. Denn die klare Abstimmungs-Niederlage für die Regierung von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni ist auch ein Erfolg für die Anti-Mafia-Bekämpfung. So bleibt die Unabhängigkeit der autonom ermittelnden Staatsanwälte von politischer Einflussnahme zumindest vorerst gewahrt.
Wie sagte der ermordete Ermittlungsrichter Rosario Livatino schon vor über vier Jahrzehnten?: „Wer die neue Mafia verstehen will, muss nach Deutschland schauen.“ Heute gilt das mehr denn je, leider auch für die Mafia-Tiefburg Metropolregion. Und so lautet eine Erkenntnis dieses von Chiara Rottaro vom veranstaltenden Deutsch-Italienischen Kulturkreis Volare moderierten Anti-Mafia-Abends: „Die ’Ndrangheta ist aktiver und gefährlicher denn je“!–
Joseph Weisbrod

