StartOrganisationen WissenschaftMPI KernphysikErste Messung von Antineutrinos aus abgebrannten Brennelementen

Erste Messung von Antineutrinos aus abgebrannten Brennelementen

/ via Max-Planck-Institut für Kernphysik Heidelberg /

Auch nach dem Abschalten eines Kernreaktors sendet der radioaktive Brennstoff weiterhin einen schwachen Fluss von Antineutrinos aus. Forschende der Double-Chooz-Kollaboration unter Leitung von Wissenschaftler:innen des MPIK konnten dieses schwer nachweisbare Signal nun erstmals messen und eröffnen damit neue Perspektiven für Reaktorüberwachung, nukleare Sicherheit und Kontrollverfahren.

  • Erstmalige Messung von Antineutrinos aus abgebrannten Brennelementen und abgeschalteten Kernreaktoren.
  • Der Double-Chooz-Detektor registrierte rund 100 Antineutrino-Ereignisse während der Abschaltphase der Reaktoren.
  • Die Ergebnisse zeigen das Potenzial von Antineutrino-Detektoren für Reaktorüberwachung, nukleare Sicherheit und Kontrollverfahren.

Selbst wenn die Lichter ausgehen und die Kernreaktoren abgeschaltet werden, hat das Geschehen im Reaktorkern noch viel zu erzählen. Radioaktive, langlebige Spaltprodukte zerfallen noch über Monate oder sogar Jahre hinweg und erzeugen dabei einen schwachen Fluss einer bestimmten Art von Teilchen, die als Antineutrinos bekannt sind. (Anti-)Neutrinos sind die leichtesten und schwer fassbarsten bekannten Teilchen im Universum, wodurch sie ungehindert sowohl aus dem Reaktor als auch aus der umgebenden Abschirmung entweichen können.

Forschende der Double-Chooz-Kollaboration haben diese verbleibende Antineutrinoemission nun erstmals gemessen. Die kürzlich in Physical Review Letters veröffentlichte Studie wurde von Anthony Onillon und Thierry Lassere vom Max-Planck-Institut für Kernphysik (MPIK) in Heidelberg geleitet. Die Ergebnisse zeigen, dass Antineutrino-Detektoren auch während Stillstandszeiten von Kernreaktoren untersuchen können, was neue Perspektiven für die Reaktorüberwachung, die nukleare Sicherheit und die Sicherheitsüberwachung eröffnet.

Die Messung wurde im Kernkraftwerk Chooz in Nordfrankreich durchgeführt. Der Double-Chooz-Detektor befindet sich unterirdisch in einer Entfernung von etwa 400 Metern zu den beiden Reaktorkernen. Der Detektor enthält mehr als 30 Kubikmeter Flüssigszintillator, ein Material, das winzige Lichtblitze aussendet, wenn ein Antineutrino im Inneren des Detektors wechselwirkt.

„Antineutrinos treten nur äußerst selten mit Materie in Wechselwirkung. Wenn jedoch eines im Double-Chooz-Detektor wechselwirkt, entsteht ein charakteristisches Doppelsignal, das sich von Hintergrundereignissen unterscheiden lässt“, erklärt Thierry Lasserre von der unabhängigen Forschungsgruppe OMINA, die ebenfalls am MPIK angesiedelt ist. Dies ermöglicht es den Forschenden, die Reaktor-Antineutrinos zu identifizieren.

Die Kollaboration analysierte Daten aus 17,2 Tagen, die während der vollständigen Abschaltung beider Reaktorblöcke aufgezeichnet wurden. In diesem Zeitraum beobachtete der Detektor rund 100 potenzielle Antineutrino-Ereignisse, die von der Restradioaktivität in den Reaktorkernen und in nahegelegenen Abkühlbecken für abgebrannte Brennelemente stammten.

Das gemessene Signal stimmt bemerkenswert gut mit detaillierten Simulationen des verbleibenden Kernbrennstoffbestands und des Zerfalls langlebiger Spaltprodukte überein. Dies stellt die erste direkte experimentelle Validierung von Vorhersagen zur Antineutrinoemission aus stillgelegten Reaktoren und abgebranntem Brennstoff dar.

„Bislang konzentrierten sich Experimente mit Reaktor-Antineutrinos hauptsächlich auf in Betrieb befindliche Reaktoren, wo der Antineutrinofluss viel größer ist. Die Detektion des winzigen Restsignals nach der Abschaltung erforderte außergewöhnlich niedrige Hintergrundsignale und sorgfältige Analysetechniken, die von der Double-Chooz-Kollaboration über viele Jahre hinweg entwickelt wurden“, fügt Dr. Onillon hinzu.

Aktuelle erste Ergebnisse von JUNO-TAO, die auf der Neutrino 2026 vorgestellt wurden, zeigen, dass diese neue Richtung bereits von anderen Experimenten verfolgt wird. Durch die Analyse von Daten aus Zeiten, in denen ein nahegelegener Reaktor abgeschaltet ist, zielt TAO darauf ab, das schwache Antineutrinosignal aus abgebranntem Kernbrennstoff zu isolieren. Das Double-Chooz-Ergebnis liefert nun den ersten publizierten Referenzpunkt, um dieses verbleibende schwache Leuchten von Antineutrinos aus abgeschalteten Reaktoren und Brennelement-Lagerbecken zu verstehen.

Das Ergebnis zeigt, dass Antineutrino-Detektoren in Zukunft nicht nur während des Reaktorbetriebs, sondern auch während Wartungsphasen und nach der Abschaltung Informationen liefern könnten. Solche Messungen könnten für die unabhängige Überprüfung des Reaktorstatus und der Bestände an abgebranntem Brennstoff relevant werden.

Double Chooz war ursprünglich zur Untersuchung von Neutrinooszillationen konzipiert und spielte eine Schlüsselrolle bei der Messung des Neutrino-Mischungswinkels θ13, einem fundamentalen Parameter, der beschreibt, wie sich Neutrinos auf ihrer Reise zwischen verschiedenen Typen umwandeln. Diese Messung ebnete den Weg für zukünftige Untersuchungen von Materie-Antimaterie-Asymmetrien im Neutrino-Sektor. Mit dieser neuen Arbeit hat das Experiment eine weitere Premiere erreicht: die Beobachtung des schwachen Neutrino-Leuchtens, das nach dem Abschalten eines Reaktors zurückbleibt.


Originalpublikation:

First measurement of neutrino emissions from spent nuclear fuel by the Double Chooz experiment

Double-Chooz collaboration

Phys. Rev. Lett., DOI: https://doi.org/10.1103/dr26-j19g


Weblinks:

Double Chooz, Wikipedia

Double Chooz am MPIK

 

Quelle

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