StartOrganisationen WissenschaftMPI KernphysikWenn Licht plötzlich neue Wege geht – Ultraschnelle Linsen aus dichtem Gas

Wenn Licht plötzlich neue Wege geht – Ultraschnelle Linsen aus dichtem Gas

/ via Max-Planck-Institut für Kernphysik Heidelberg /

Forschende am MPIK in Heidelberg konnten mithilfe eines atomaren Gases als zeitabhängige Linse die Strahlform und das Spektrum intensiver hochfrequenter Laserpulse verändern. Solche schaltbaren gasbasierten optischen Elemente könnten den Weg zu einer besseren Kontrolle von XUV- und Röntgenstrahlen für Anwendungen wie die Steuerung chemischer Reaktionen, Quantencomputing oder verbesserter Spektroskopiemethoden ebnen.

  • Hochfrequentes (XUV) Licht bietet einzigartige Einblicke in grundlegende atomare Prozesse, doch die Steuerung des Lichts auf mikroskopischen Skalen in Raum und Zeit gestaltet sich nach wie vor schwierig
  • Neuartige Formungstechnik: Forschende demonstrieren die räumliche und spektrale Manipulation von XUV-Pulsen
  • Gas als laser-gesteuertes optisches Element: Nichtlineare Wechselwirkungen in Heliumgas erzeugen nahe einer Resonanz einen intensitätsabhängigen Brechungsindex – das Gas wirkt wie eine Linse oder ein Prisma, das extrem schnell ein- und ausgeschaltet werden kann.

 

 

 

Wie man Licht steuert

Die ersten bekannten künstlichen Linsen zur Manipulation von Licht stammen von etwa 700 v. Chr.: 1850 wurde in Nimrod im Irak ein knapp vier Zentimeter großes, bearbeitetes Stück Bergkristall aus dieser Zeit gefunden. Und auch wenn die ursprüngliche Funktion dieser Linse heutzutage nicht klar ist, zeigt sie doch, dass sich die Menschen bereits damals der lichtbündelnden Eigenschaften von Materialien bewusst waren. Eine wichtige Anwendung dieses Wissens war die Erfindung des Mikroskops mehr als zwei Jahrtausende später, bei dem die optischen Eigenschaften fokussierender Glaslinsen genutzt werden, um die bis dahin unbekannte mikroskopische Welt zu erforschen.

Mit der Erfindung des Lasers und in der Folge kurzer, intensiver Laserpulse sind Forschende heute in der Lage, energiereiches Licht mit extremer Intensität für sehr kurze Zeiträume zu erzeugen. Das eröffnet präzisere Methoden der Materialbearbeitung, aber auch tiefere Einblicke in mikroskopische Prozesse. Je kürzer die Wellenlänge des verwendeten Lichts ist, desto kürzer können die Laserpulse werden – und desto präziser können wir in die quantenmechanische Welt der Atome und Moleküle blicken. Im spektralen Bereich des extremen Ultravioletten (XUV), der Wellenlängen von wenigen bis zu mehreren Dutzend Nanometern umfasst, ermöglicht dies Pulsdauern im Attosekundenbereich (1 Attosekunde sind 10-18 Sekunden) – schnell genug, um die Bewegung von Elektronen direkt zu verfolgen.

 

Die Herausforderung bei der Manipulation von hochenergetischem Licht

Mit der rasanten Entwicklung Freier-Elektronen-Laser (FEL) können Forschende nun ultrakurze, hochintensive XUV-Lichtpulse erzeugen. Allerdings sind zuverlässige Werkzeuge zur Puls- und Strahlformung nach wie vor rar. Während herkömmliche optische Elemente wie Linsen, Spiegel oder Prismen sichtbares Licht problemlos ablenken, bündeln oder spektral aufspalten können, werden hochenergetische XUV-Photonen von Standard-Optikkomponenten (zumeist aus Glas) stark absorbiert, anstatt reflektiert oder gebrochen zu werden.

Die Kontrolle der Form und spektralen Zusammensetzung dieser kurzwelligen Laserpulse ist jedoch in der modernen Physik von großem Interesse, da viele atomare Übergänge in diesem Energiebereich liegen und deren gezielte Beeinflussung beispielsweise die Steuerung chemischer Reaktionen oder die Entwicklung ultraschneller Quantencomputer auf atomarer Ebene vorantreiben könnte.

 

Gas in ein dynamisches Brechungselement verwandeln

Ein internationales Team unter der Leitung von Forschenden vom Max-Planck-Institut für Kernphysik in Heidelberg (MPIK) konnte nun nachweisen, dass sich solche XUV-Laserpulse sowohl in der räumlichen Ausdehnung als auch in der spektralen Zusammensetzung formen lassen. Dabei nutzten sie die komplexen nichtlinearen Wechselwirkungen zwischen intensivem Licht und Materie. Wenn ein starker XUV-Laserpuls ein optisch dichtes Medium – wie beispielsweise ein atomares Gas – durchläuft, regt er die Energieniveaus der Atome in schneller Folge an und ab. Dieser quantendynamische Prozess ist als Rabi-Oszillation bekannt und bewirkt einen raschen Elektronentransfer zwischen diesen Quantenniveaus. Da ein Laserstrahl naturgemäß in seiner Mitte am intensivsten und zu den Rändern hin schwächer ist, variiert die Stärke dieser Wechselwirkung über das Strahlprofil hinweg.

Das Team zeigte nun, dass diese radiale Intensitätsvariation eine selbstinduzierte Veränderung des Brechungsindexes des Mediums bewirkt, die um eine atomare Resonanzfrequenz – entsprechend dem Übergang zwischen zwei Elektronenniveaus – herum am ausgeprägtesten ist.

„Das Zusammenspiel zwischen dieser intensitätsabhängigen Licht-Materie-Wechselwirkung und Effekten, die durch die makroskopische Pulsausbreitung innerhalb des dichten Mediums auftreten, verwandelt die Atome effektiv in ein brechendes Element, wie beispielsweise eine Linse oder ein Prisma“, erklärt Dr. Yu He, Erstautor der Studie. „Das Gas lenkt Licht nahe einer Resonanz effektiver nach außen ab als andere Frequenzen und verändert so dessen Spektrum.“

 

Experimentelle Überprüfung bei FLASH

Die Forschenden konnten ihre Beobachtungen gewinnen, indem sie intensive XUV-Laserpulse, die am Freie-Elektronen-Laser FLASH bei DESY in Hamburg erzeugt wurden, in eine Gaszelle mit Heliumatomen fokussierten. Die zentrale Photonenenergie der Pulse betrug 21,2 eV, was der Energie des elektronischen Überganges von 1s-2p im Heliumatom entspricht.

Je nach Intensität des ursprünglichen Laserpulses beobachtete das Team unterschiedliche Effekte: Bei geringerer Laserintensität wurde das Licht in der Gaszelle im Bereich der atomaren Resonanz absorbiert, blieb jedoch in seiner räumlichen Form unverändert. Bei höheren Laserintensitäten und höherem Gasdruck wurde der Strahl jedoch von seiner ursprünglichen Ausbreitungsrichtung abgelenkt, insbesondere bei zwei spezifischen Frequenzen, die leicht unterhalb und oberhalb der atomaren Resonanzenergie lagen. Dies führte zu einer charakteristischen Doppelstruktur im Spektrum, die auf nichtlineare Effekte und makroskopische Auswirkungen der Pulsausbreitung zurückzuführen ist.

 

Weg zu zukünftigen Anwendungen

„Mit diesem Verfahren konnten wir eine zeitabhängige Linse erzeugen, mit der sich der Strahl und seine spektrale Zusammensetzung auf sehr kurzen Zeitskalen lenken und formen lässt“, erklärt Prof. Thomas Pfeifer, Direktor am MPIK. „Dies wird nicht nur dazu beitragen, optische Elemente für hochfrequentes Licht weiterzuentwickeln, sondern führt auch zu einem detaillierteren Verständnis der komplexen Prozesse, wie intensive Strahlung mit resonanten Medien interagiert und sich durch diese ausbreitet.“

Solche Erkenntnisse könnten zukünftigen spektroskopischen Techniken zugutekommen und neue Ansätze ermöglichen, um die räumliche und spektrale Form kohärenter XUV- und Röntgenpulse maßzuschneidern – für so vielfältige Anwendungen wie die Steuerung chemischer Reaktionen durch speziell strukturiertes Licht oder ultraschnelles Rechnen auf atomaren Längen- und Zeitskalen mit Quantencomputern. 


Originalpublikation:

Redirection and reshaping of intense extreme-ultraviolet radiation
Yu He et al.
Science Advances, 29 May 2026, Vol 12, Issue 22, DOI: 10.1126/sciadv.aef5300

Quelle

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